Wenn der Krieg im Kopf den Blick auf Frieden trübt – Das Afghan Youth Project: Eine qualitative Untersuchung zu den Folgen traumatischer Erfahrungen alltäglicher Gewalt für Identität, Gesellschaftsbilder und Agency von Jugendlichen in Afghanistan

Projektleiter: Prof. Dr. Phil C. Langer, International Psychoanalytic University (IPU) Berlin & Dr. Angela Kühner, Deutsches Jugendinstitut München (anfangs Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Projektbearbeiterin: Aisha-Nusrat Ahmad

Förderzeitraum: Januar 2016 bis September 2017

Fördervolumen: 96 Tsd. Euro

Website: www.afghanyoupro.org

 

 

Zusammenfassung

Afghanistan im Jahr 2015: Die Gewalt im Land hat in den letzten Jahren, auch im Zusammenhang mit der Beendigung der ISAF-Mission, deutlich zugenommen. Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden fast 5.000 zivile Opfer berichtet. Zwischen Januar 2009 und Ende Juni 2015 starben etwa 20.000 Zivilisten. Der Selbstmordanschlag in Jalalabad im April, in dem 36 Menschen starben und weitere 110 verletzt wurden, und die zeitweise Einnahme von Kunduz durch die Taliban Ende September, die Hunderte Opfer forderte und Tausende zur Flucht zwang, sind lediglich zwei medial besonders fokussierte Ereignisse in einem Land, in dem Gewalt zur alltäglichen Erfahrung der meisten Menschen gehört. In besonderem Maße sind der United Nations Assistance Mission in Afghanistan zufolge Kinder und Jugendliche, die etwa zwei Drittel der Bevölkerung des Landes ausmachen, von Gewalt betroffen. Ihre Erfahrungen bleiben in der wissenschaftlichen Debatte, die auf politisch und militärisch „machtvolle“ nationale und internationale Akteure enggeführt wird, indes weitgehend ausgespart.

Wenn jedoch die Frage nach vorhandenen Potenzialen und möglichen Perspektiven gesellschaftlicher Transformation – und letztlich eines nachhaltigen Friedens – in Afghanistan gestellt werden soll, gilt es, jene Subjekte, die durch und in ihrem alltäglichen Handeln Gesellschaft fortlaufend herstellen und verfestigen, als Akteure ernst zu nehmen und ihre sozialisations- und erfahrungsbedingten Wahrnehmungen der gegenwärtigen Situation und ihre Vorstellungen der Zukunft zu untersuchen. Das Projekt geht von der besonderen Bedeutung von Jugendlichen für die gesellschaftliche Entwicklung aus, die als „junge Generation“ die Zukunft des Landes prägen.In dieser Hinsicht wird der Frage nachgegangen, welche Folgen die weitreichenden – konzeptionell als traumatisch verstandenen – Erfahrungen kollektiver alltäglicher Gewalt für die Identitätsbildung, die Entstehung von Gesellschaftsbildern und die Ausbildung von sozialem Agency von Jugendlichen in Afghanistan zeitigen. Was bedeuten diese Gewalterfahrungen für Selbstverständnis und Selbstverhältnis der Jugendlichen? Wie gehen sie – mehr oder weniger „produktiv“ – mit ihnen um? Wie prägen sie ihre Vorstellung von einem künftigen (möglichen wie unmöglichen) „anderen“ Afghanistan? Inwieweit halten sie sich für befähigt, zu einer gesellschaftlichen und politischen Veränderung im Land beizutragen?

Das Forschungsprojekt folgt einemempirisch-qualitativen methodischen Design, das in besonderem Maße geeignet scheint, die Mikroebene der alltäglich handelnden Subjekte in den Blick zu nehmen. Orientiert am Forschungsstil der Grounded Theory werden in den nördlichen Provinzen Balkh und Kunduz in zwei Feldphasen 40 Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren mittels biographisch-narrative Interviews befragt und gebeten, lebensweltbezogene Zeichnungen (Drawings) anzufertigen, die ermöglichen, Spuren der Gewalt jenseits ihrer Versprachlichung zu untersuchen. Im Sinne eines partizipativen Ansatzes, wird das Projekt in enger Kooperation mit afghanischen Universitäten, nationalen und internationalen GOs und NGOs sowie regionalen und lokalen Jugendeinrichtungen durchgeführt.

Die Originalität des Projektes besteht damit in der Fokussierung auf die alltäglich handelnden – jugendlichen – Akteure, deren zentrale Bedeutung für friedensbezogene Entwicklungen in einer durch massive Gewalt geprägten Gesellschaft in den Blick genommen wird. Durch die im Projekt vollzogene Analyse der für ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes gesellschaftspolitisches Handeln notwendigen Ressourcen und Kompetenzen werden subjektorientierten Ansatzpunkten für Maßnahmen einer nachhaltigen Friedensentwicklung aufgezeigt. Dazu werden alters- und kultursensible Methoden (weiter-)entwickelt und zur Anwendung gebracht. Innovatives Potenzial erhält das Projekt darüber hinaus durch dessen partizipativen und dekolonialisierenden Ansatz: Durch die Kooperation mit afghanischen Universitäten, den Einbezug von dort tätigen Sozialwissenschaftler*innen bei der Methodenentwicklung und Datenauswertung sowie von afghanischen Nachwuchswissenschaftler*innen als Interviewende möchte das Projekt einen Beitrag zum akademischen Capacity Building leisten.

In vergleichender Perspektive wird unter Einbezug von Forschungsbefunden zu den Folgen gewaltsamer Konflikte für Kinder und Jugendliche etwa in Südafrika, Ruanda oder Palästina zugleich die Frage mit verhandelt, inwieweit die Ergebnisse über Afghanistan hinaus Erkenntnisse für die Sozialwissenschaften und Politikberatung im Hinblick auf andere Konflikte und gewaltnahe Gesellschaften wie aktuell v.a. Syrien erbringen.


 

Summary

In recent years violence has increased significantly in Afghanistan. In the first half of 2015, nearly 5,000 civilian casualties have been reported. Between January 2009 and the end of June 2015 nearly 20,000 civilians died. The suicide attack in Jalalabad in April, when 36 people died and another 110 were injured, and the temporary seizure of Kunduz by the Taliban in late September, that claimed hundreds of victims and forced thousands to flee, are only two incidents that were particularly focused by media in a country where violence is part of everyday experience in most people’s life According to the United Nations Assistance Mission in Afghanistan children and adolescents, that amount together two third of the country‘s population, are significantly affected by violence. Yet, their experiences, are neglected in scientific debates, that primarily focus on political and military ‚powerful‘ national and international actors.

Since it is the young generation that shapes the country’s future, one has to take into account their experiences, when the question of existing potentials and possible perspectives of social transformation - and ultimately sustainable peace - in Afghanistan is proposed. In this regard it is important to understand the impact traumatic experiences of collective everyday violence have for identity formation, conceptions of society and the development of social agency for youths in Afghanistan. What do these experiences of violence mean for self-understanding and self-relation of young people? How do youngsters cope with such traumatizing experiences? How do these experiences shape their imaginations of a different Afghanistan? To what extent do they see themselves capable in contributing to a societal and political transformation? 

The project pursues a qualitative research design, which particularly seems suitable to analyze everyday experiences on a micro level. Following a Grounded Theory approach, biographical-narrative interviews are conducted and drawings collected during two field phases in the northern provinces Balkh and Kunduz, focusing on adolescents aged 14 to 20 years. In the tradition of participatory research, the project will closely cooperate with Afghan universities, national and international GOs and NGOs as well as local youth centers in Afghanistan.

Taking into account further studies on the implications of violent conflicts on children and adolescents in South Africa, Ruanda or Palestine it will be assessed to what extent the results can be transferred to the analysis of other current violent conflicts (e.g. in Syria). 

 
 

AUS DEN GREMIEN:

 

Neuberufungen in den Stiftungsrat

 

Neues Führungsteam der DSF

 

Neue Mitglieder im Wissenschaftlichen Beirat

 

schneckener aktuell
Informationen zur Teilnahme des Vorstands-Vorsitzenden an Kick-off conference

 

Veranstaltungen der Stiftung:

 

Transferveranstaltungen im Rahmen des Projektes „Salafismus in Deutschland. Forschungsstand und Wissenstransfer“

 

15 Jahre Deutsche Stiftung Friedensforschung

Veranstaltung aus Anlass des 15jährigen Bestehens der Stiftung
10. März 2016, 18 Uhr, Friedenssaal des historischen Rathauses der Stadt Osnabrück

zum Bericht

 

NEU IN DER PROJEKTFÖRDERUNG

FÖRDERKONZEPT DSF

 

Foerderkonzept



 

 

NEUE PUBLIKATIONEN

Stiftungseigene Veröffentlichungen

 

Projektpublikationen

 




Handbook on Sustainability Transition and Sustainable Peace
Herausgeber: Brauch, H.G., Oswald Spring, Ú., Grin, J., Scheffran, J. (Eds.) 
Springer 2016

 

dembinski

 

"Auslandseinsätze evaluieren. Wie lässt sich Orientierungswissen zu humanitären Interventionen gewinnen?" von Matthias Dembinski und Thorsten Gromes, HSKF-Report Nr. 8/2016

 

peacebuilding


Peacebuilding in Crisis
Rethinking Paradigms and Practices of Transnational Cooperation
Edited by Tobias Debiel, Thomas Held, Ulrich Schneckener
Routledge 2016

neueste Rezension in: Wissenschaft und Frieden 3/2016, S. 55-56

 

 

 

 

Friedensgutachten 2016 

 

 

 

 

Friedensgutachten 2016

 

 

frieden lernen cover 

Frieden lernen mit Reportagen

 

 

 

 


 

 

: