Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 21. Jahrhunderts: der Fall Mexiko im internationalen Kontext
Projektleiterin: Prof. Dr. Marianne Braig und Dr. Anne Huffschmid, Lateinamerika-Institut der FU Berlin
Projektbearbeiterin: Dr. Anne Huffschmid
Förderzeitraum: 24 Monate
Fördersumme: 99 Tsd. Euro


Zusammenfassung


Der Gewaltschock von „Ayotzinapa“, als protestierende Studenten im südmexikanischen Guerrero im Herbst 2014 von Polizeikräften angegriffen und verschleppt wurden, hat die schon seit Jahren anhaltende Gewaltkrise Mexiko landes- wie weltweit in neuer Weise skandalisiert. Damit rückten drei miteinander verschränkte Phänomene ins Zentrum der nationalen wie internationalen Aufmerksamkeit: Die Wiederkehr des ‚gewaltsamen Verschwindenlassen‘ unter dem Vorzeichen einer neuartigen Gewaltdynamik, die massenhafte Existenz klandestiner Grabstätten im Lande und schließlich das Instrumentarium der forensischen Anthropologie, die sich der Exhumierung und Identifizierung toter Körper verschreibt. Nicht zuletzt durch die Arbeit des berühmten argentinischen Forensikerteams EAAF, das den Fall der 43 vermissten Studenten – im Widerstreit zu den mexikanischen Behörden – untersucht, erschien die scheinbar neutrale Forensik erstmals als politisch aufgeladenes Feld.

Diese politische aber auch im weiteren Sinne kulturelle und soziale Wirkmacht der forensischen Anthroplogie steht im Zentrum des auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekts. Untersucht wird im Anschluss an eine 2015 durchgeführte Pilotstudie, zunächst am Beispiel Mexiko aber in internationaler Kontextualisierung, ihr Potenzial für die gesellschaftliche Verarbeitung und Traumabewältigung von Gewaltkonflikten des 21. Jahrhunderts. Dabei verstehen wir forensische Anthropologie als Dispositiv der Sichtbarmachung, die im doppelten Sinne wirkt: als soziale Materialisierung weitgehend unsichtbarer Gewaltzusammenhänge, wie auch als Visualisierung, also der Erzeugung von Bildern, die auf die soziale Imagination von extremer Gewalt einwirkt.

Konkreter Ansatzpunkt der Studie ist ein neu gegründetes Team junger Forensiker, das Equipo Mexicano de Antropología Forense (EMAF), das in Mexiko, dem Vorbild anderer lateinamerikanischer Teams folgend, erstmals eine zivilgesellschaftliche Forensik instituieren will. Eine solche regierungsunabhängige und menschenrechtsorientierte Praxis wurde Mitte der 1980er Jahr zuerst in Argentinien entwickelt und wird seither vom EAAF in vielen Postkonflikt-Szenarien der Welt praktiziert. Dabei geht es stets darum, ehemals Verschwundene wieder als Menschen zu konstituieren und in den sozialen Raum zurückzuholen, die dahinter stehenden Verbrechen/smuster zu rekonstruieren und Angehörigen – gerade gegenüber staatlichen Behörden – zu ihren Rechten zu verhelfen.

Mexiko stellt eine solche Forensik vor neue Herausforderungen. Denn anders als in den bisherigen Diktaturen, Bürgerkriegen und Genoziden Lateinamerikas und anderer Regionen operiert hier nicht mehr der Staat als zentraler Gewaltakteur, sondern ein diversifiziertes Gewaltregime, in dem eine Reihe miteinander (und mit dem Staat) konkurrierende wie auch verflochtene Gewaltakteure systematisch und massenhaft die Entmenschlichung ihrer Opfer betreiben. Eine besondere Herausforderung ist zudem die allseits konstatierte „Kultur der Straflosigkeit“, die das Vertrauen von Gewaltbetroffenen in staatliche Behörden und Ermittlungsverfahren weitgehend erodiert hat. Und schließlich, ein weiterer entscheidender Unterschied zu anderen Szenarien, agieren forensische Anthropologen hier nicht im Nachhinein, sondern nahezu zeitgleich mit den Gewaltakteuren.

Die Studie soll Erkenntnisse darüber liefern, wie eine zivilgesellschaftliche Forensik unter solchen veränderten Bedingungen operieren kann. Bearbeitet werden dafür drei thematische Stränge:

Erstens, die Frage nach Vertrauensbildung als zentrale Ressource forensischen Agierens, kaum weniger bedeutsam für den forensischen Prozess als (kriminal)technische Expertisen. Fokussiert wird in einer beobachtenden Feldbegleitung des EMAF die Interaktion zwischen Gewaltbetroffenen, Forensikern und Behörden. Welche Erwartungen und Vorstellungen (vom Recht, von den Toten) werden dabei formuliert, wie artikuliert sich Misstrauen, wie wird Vertrauen generiert? Auf welche Schwierigkeiten stoßen ethische und professionelle Ansprüche? Welche Möglichkeiten gibt es, Gewaltbetroffene am forensischen Prozess zu beteiligen?

Zweitens, die Rolle transnationaler Wissenstransfers in diesem Prozess: Nachdem in bisherigen Recherchen herausgearbeitet wurde, wie die neue lateinamerikanische Menschenrechtsforensik als transnationales Feld konstituiert ist, wird nun die Rolle ausländischer Experten zur Legitimation gegenüber Familien aber auch gegenüber den Behörden und Öffentlichkeit, genauer beleuchtet (Presskorpora, Expertengespräche). Transnationaler Austausch und Reflexion sollen zudem in einem Workshop befördert werden, zu dem neben dem mexikanischen EMAF auch forensische Expert/innen aus Argentinien geladen werden.

Eine dritte Achse betrifft die Frage nach der Macht und Rolle forensischer Bildlichkeit: Visualität spielt für die soziale Imagination von Verschwundenen, Gewalt und Forensik eine zentrale und zugleich ambivalente Rolle. Hier wird diese Rolle nun genauer untersucht: Welche Bedeutung kommt der Fotografie bei Exhumierung, Identifizierung und Restitution zu, aber auch im medialen oder wissenschaftlichen Bilddiskurs? Wie verhalten sich die ‚Bilder der Toten‘ zu den Bildstrategien von Angehörigen und öffentlichen Protesten? Und vor allem: Was wären mögliche Elemente einer ‚anderen‘ Bildlichkeit und visuellen forensischen Ethik? Diesen Fragen wird mithilfe analytischer Bildlektüren aber auch mit eigenen visuellen Strategien (Fotografie, Video) bei der Feldrecherche wie auch bei der Präsentation der Befunde nachgegangen.

Zur Bearbeitung dieser drei miteinander verschränkten Fragefelder dient ein bereits erprobtes Set kombinierter kulturwissenschaftlicher Methoden: ethnographische Felderkundungen, visuelle Feldzugänge (Bildserien, Videoaufzeichnungen) sowie bild- und diskursanalytische Lektüren. Ergebnisse sollen in Form eines elektronisch verfügbaren Dossiers, einschließlich eines strukturierten, multimedialen Bildarchivs, zugänglich gemacht werden, wie auch in einschlägigen Buch- und Zeitschriftenbeiträgen und mittels einer internationalen Fachtagung.

 


 

Abstract


The shock of „Ayotzinapa“, when protesting students in the Southern state of Guerrero were attacked and disappeared by local police forces in September of 2014, attracted worldwide public attention to the continuous human rights crisis in Mexico. Three fenomena moved to the center of national as well as international attention: The return of ‚forced disappearance‘ but in the framework of a new kind of violence dynamics, the massive existence of clandestine mass graves in Mexican territory and finally the ‚toolbox‘ of forensic anthropology, dedicated to the exhumation and identificacion of dead bodies. For the first time, and due also to the Mexican mission of the famous Argentine team EAAF that investigated the case of the 43 disappeared students, in tense relation to Mexican authorities, the supposedly ‚neutral‘ forensic technique appeared as a highly political field.

The political as well as the cultural and social incidence and power of forensic anthropology is in the center of the present two-years-research project. In continuation of a pilot study realized in 2015, but focussing now on a in-depth-study of the Mexican case, the projects seeks to elaborate its potential for the processing of violence and social traumata in the conflict-scenarios of the 21th century. For that purpose, forensic anthropology is conceived of as a dispositif of visibilization in a double sense: as social materilization of mostly invisible constellations of violence, and also as a means for visualization, that is the production of images acting upon the social imagination of extreme violence.

A starting point for the study is the newly founded forensic team Equipo Mexicano de Antropología Forense (EMAF), that seeks to institute in Mexico, following the role model of other Latin American teams, a civic and nongovernmental forensic practice. Such a practice was developed first, explicitely under a human rights paradigma, in post-dictatorship Argentine, by the midst of the 1980ties, and from then on practiced by the EAAF in many post-conflict-scenarios in the world. Its fundamental aim is to reconstitute the human being from its remains, to bring the disappeared back to the social world, reconstruct the underlying crime (patterns) and to enforce relatives in the claiming of their rights.

Current Mexico represents a series of challenges for such a forensic practice. In contrast to former dictatorships, civil wars or genocidal violence in Latin America and other regions, it is not the State that holds the central agency of violence. Instead, a diversified regime that articulates a series of competing as well as entangled perpetrators, fractions of the State among them, pursues the systematical deshuminazation of huge numbers of men and women. Furthermore, a widely acknowledged „culture of impunity“ has led to deep erosion of confidence in any official investigation and authorities among the affected families. Finally, in contrast to other scenarios forensic anthropologists in Mexico do not operate not in the aftermath of violence, but are forced to do so simultaneously to perpetrators.

The study is meant to provide insights on how a civic forensics may operate under such conditions. For that purpose it elaborates on three thematic fields:

First, the cuestion of confidence as a crucial ressource of forensic practice, not less important than criminalistic and ‚tecnical‘ knowhow. Recurring on field observation of the EMAF‘s work the study focusses on the interaction between affected families, forensic experts and representatives of public authorities. What are the expectations and social imaginations involved (concerning subjets such as justice or death), how to identify patterns of trust and mistrust? What difficulties and dilemas stand in the way of professionel or ethical standards? How may affected persons be able to particpate in forensic processes?

Second, the incidence of transnational knowledge transfer in this process: As former research suggested the constitution of human rights forensis as a transnational field, now we will have a closer look of the role of international experts in the legitimation toward families, authorities and public opinion (press coverage, expert interviews). Transnational exchange and reflection is to be promoted also in a transregional workshop with EMAF members as well as Argentine experts.

A third axis refers to the power and incidence of forensic visuality: As former research highlighted the importance and ambivalence of circulating images for the social imagination of disappeared, violence and forensis, the project examines the visual dimension of forensic processes: how to understand the role of photography in the context of exhumation, identification and restitution, but also the media or scientific visual discourses? How do ‚images of the dead‘ relate to the visual strategies of relatives and public protests? What might be identified as potential elements for alternative visual narratives and a visual ethics of forensics? These cuestions will be processed by means of analytical readings of visual corpora and also by developing visual strategies (photography, video) in field research as well as in the presentation of findings.

These interrelated thematic fields are worked on by the use of a reliable cultural-science-shaped set of combined qualitative methods: ethnographic field observation, visual field recordings (photographic series, video-recording) as well as analysis of visual and verbal discourse. The outcomes will to presented in the format of a electronic dossier, including a structured visual archive, as well as in printed articles, and also in an international symposium on the subject.









AUS DEN GREMIEN:

 

Neuberufungen in den Stiftungsrat

 

Neues Führungsteam der DSF

 

Neue Mitglieder im Wissenschaftlichen Beirat

 

schneckener aktuell
Informationen zur Teilnahme des Vorstands-Vorsitzenden an Kick-off conference

 

Veranstaltungen der Stiftung:

 

Workshop der Stiftung und Fachsymposion von DSF und FONAS in Berlin

 

Transferveranstaltungen im Rahmen des Projektes „Salafismus in Deutschland. Forschungsstand und Wissenstransfer“

 

15 Jahre Deutsche Stiftung Friedensforschung

Veranstaltung aus Anlass des 15jährigen Bestehens der Stiftung
10. März 2016, 18 Uhr, Friedenssaal des historischen Rathauses der Stadt Osnabrück

zum Bericht

 

NEU IN DER PROJEKTFÖRDERUNG

FÖRDERKONZEPT DSF

 

Foerderkonzept



 

 

NEUE PUBLIKATIONEN

Stiftungseigene Veröffentlichungen

 

Projektpublikationen

 




Handbook on Sustainability Transition and Sustainable Peace
Herausgeber: Brauch, H.G., Oswald Spring, Ú., Grin, J., Scheffran, J. (Eds.) 
Springer 2016

 

dembinski

 

"Auslandseinsätze evaluieren. Wie lässt sich Orientierungswissen zu humanitären Interventionen gewinnen?" von Matthias Dembinski und Thorsten Gromes, HSKF-Report Nr. 8/2016

 

peacebuilding


Peacebuilding in Crisis
Rethinking Paradigms and Practices of Transnational Cooperation
Edited by Tobias Debiel, Thomas Held, Ulrich Schneckener
Routledge 2016

neueste Rezension in: Wissenschaft und Frieden 3/2016, S. 55-56

 

 

 

 

friedensgutachten 2017 

 

 

 

 

Friedensgutachten 2017

 

 

frieden lernen cover 

Frieden lernen mit Reportagen

 

 

 

 


 

 

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