Zusammenfassung
- Leitfragen und Ziele
Im Jahr 2005 veröffentlichte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) seine sog. Gewohnheitsrechtsstudie, in der es die gewohnheitsrechtlich geltenden Regeln des humanitären Völkerrechts in 161 Regeln kodifizierte. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Studie zielt die geplante internationale Fachtagung darauf ab, unter besonderer Einbindung junger Wissenschaftler:innen den Diskurs über die bisherige Wirkmacht der Studie, ihren gegenwärtigen Status und ihre zukünftige Perspektive zu fördern.
- Relevanz und Originalität
Das Völkergewohnheitsrecht ist für das humanitäre Völkerrecht aufgrund der nicht universell ratifizierten Verträge – insbesondere der Zusatzprotokolle zu den Genfer Konventionen – und aufgrund der nur rudimentären vertragsrechtlichen Regelungen für nicht-internationale bewaffnete Konflikte von zentraler Bedeutung. Der Studie des IKRK kommt daher eine zentrale praktische Leitfunktion zu; sie stellt das einzige umfassende Werk zu völkergewohnheitsrechtlich verbindlichen Regeln dar. Dennoch sieht sie sich methodischer Kritik ausgesetzt, die ihre internationale Anerkennung schwächt. Darüber hinaus geben jüngere Entwicklungen in der Staatenpraxis, der Einsatz neuer Militärtechnologien und neue Erkenntnisse in der Völkerrechtsmethodik und -dogmatik in Bezug auf das Völkergewohnheitsrecht Anlass, die Aktualität der Studie zu hinterfragen.
- Aufbau und Konzeption
Der Workshop wird durch eine regionale Kooperation des Instituts für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum mit dem Institut für Friedenssicherungsrecht (IIPSL) der Universität zu Köln realisiert. Auf Grundlage eines Call for Abstracts wurden acht junge Wissenschaftler:innen ausgewählt, deren Beiträge sich durch besondere Originalität und wissenschaftliche Tiefe auszeichneten. Dabei wurde auch auf eine angemessene regionale Repräsentation geachtet. Diese acht jungen Wissenschaftler:innen werden in vier Panels ihre Beiträge gemeinsam mit je einem etablierten Experten/einer etablierten Expertin erörtern. Das erste Panel wird die methodischen Herausforderungen der Identifikation von humanitärem Völkergewohnheitsrecht und die Studie als historisches Dokument betrachten. Die Beiträge des zweiten Panels werden die unterbliebene Berücksichtigung bestimmter nicht-staatlicher Akteure einerseits sowie das Ausblenden bestimmter lex-ferenda-Regeln andererseits kritisch hinterfragen. Auf dem dritten Panel wird den Besonderheiten regionaler und kultureller Interpretationen der Studie sowie dem Einfluss des Völkerstrafrechts auf die Studie nachgegangen. Das vierte Panel hinterfragt schließlich die Einbeziehung des globalen Südens in die Entwicklung des humanitären Völkergewohnheitsrechts und die ambivalente Entwicklung einzelner der in der Studie identifizierten Regeln. Um den internationalen Diskurs über die Studie weiter anzuregen, wird es darüber hinaus ein weiteres Panel allein mit etablierten Expert:innen geben, die aus unterschiedlichen Perspektiven zu dem Bedürfnis einer Aktualisierung der Studie Stellung nehmen. Die Teilnehmer:innen des Workshops bekommen durch Präsentationen des Britischen und des Deutschen Roten Kreuzes Einblicke in die praktische Arbeit der Sammlung von Staatenpraxis. Schließlich wird es eine Keynote-Speech von Jean-Marie Henckaerts, einem der Verfasser der Studie, geben.
- Erwartete Ergebnisse und Praxisrelevanz
Der Workshop wird eine Vielzahl neuer Perspektiven und Impulse im Umgang mit der Gewohnheitsrechtsstudie des IKRK und den praktischen Herausforderungen in der Identifikation des humanitären Völkergewohnheitsrechts liefern. Gleichzeitig bietet er eine Plattform der internationalen und intergenerationellen Vernetzung etablierter und angehender Wissenschaftler:innen. Die Nachhaltigkeit und die Reichweite der Forschungsergebnisse werden durch eine Open-Access Publikation gesichert.
Abstract
- Key Questions and Objectives
In 2005, the International Committee of the Red Cross (ICRC) published its Study of Customary International Humanitarian Law, in which it codified the 161 rules it had identified as customary in character. On the occasion of the study’s 20th anniversary, the international expert conference aims to foster discourse on the study’s impact, its current status, and its future prospects. It provides an opportunity in particular for early-career scholars to present their work on this subject and expand their network.
- Relevance and Originality
Customary international law is of central importance to international humanitarian law, given that many international conventions – e.g. the Additional Protocols to the Geneva Conventions – are not universally ratified and that their rules remain rudimentary in parts, particularly in relation to non-international armed conflicts. The ICRC’s study is the only comprehensive codification of the binding rules of customary international humanitarian law and is thus of singular practical importance. Nevertheless, it has been subject to methodological criticism, which has weakened its international recognition. Furthermore, recent developments in state practice, the increasing use of new technologies, and new developments in international legal methodology relating to customary international law all provide good reason to re-examine the study and its findings.
- Structure and Concept
The workshop is organized through a regional collaboration between the Institute for International Law of Peace and Armed Conflict (IFHV) at Ruhr University Bochum and the Institute for International Peace and Security Law (IIPSL) at the University of Cologne. Based on responses to a call for abstracts, eight early-career scholars have been selected whose contributions stood out for their originality and depth. Over the course of the workshop, these eight early-career scholars will present their papers across four panels, each chaired by an expert. The first panel will address the methodological challenges of identifying customary international humanitarian law and consider the study as a historical document. The contributions of the second panel will critically examine the study’s failure to consider certain non-state actors, as well as its omission of certain lex ferenda rules. The third panel will explore the particularities of regional and cultural interpretations of the study as well as the influence of international criminal law on the study. Finally, the fourth panel will address the extent of the Global South’s voice in the development of customary international humanitarian law and the ambivalent developments of certain rules identified in the study. To further stimulate international discourse on the study, an additional panel composed exclusively of established experts will address the need for an update to the study from various perspectives. Workshop participants will also gain insights into the practical collection of state practice and the study’s database through presentations by the British Red Cross and the German Red Cross. The event will conclude with a keynote address by Jean-Marie Henckaerts, one of the study’s authors.
- Expected Outcomes and Practical Relevance
The workshop promises to provide a wealth of new perspectives and impetus for engaging with the ICRC’s Customary Law Study and the practical challenges of identifying customary international humanitarian law. At the same time, it offers a platform for international and intergenerational networking between established and emerging scholars, thereby placing a particular emphasis on early-career researchers. The sustainability and significant reach of the research results will be ensured through an open-access publication of the papers presented and discussed at the workshop.
© Deutsche Stiftung Friedensforschung