Parlamentarischer Abend der DSF und TraCe:
Aktuelle Kriegsdynamiken – hybrid, entgrenzt, überall?

StS Dr. Nils Schmid bei der Eröffnung

Hybride Kriegsführung, digitale Propaganda, neue Technologien und die zunehmende Erosion des Völkerrechts: Das weltweite Kriegsgeschehen verändert sich rasant. Was diese Entwicklungen für Politik, Recht und bestehende Normen bedeuten, stand im Mittelpunkt des Parlamentarischen Abends der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) und dem Forschungszentrum „Transformations of Political Violence“ (TraCe) am 24. Februar 2026 in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin.

Wissenschaft und Politik im Dialog

In seiner Eröffnung betonte Dr. Nils Schmid, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung und Schirmherr des Abends, die besondere Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für politische Entscheidungsprozesse. Angesichts der Vielzahl aktueller Kriege und Konflikte sei es für die Politik entscheidend, fundierte Analysen und konkrete Handlungsempfehlungen aus der Forschung zu erhalten.

Prof. Dr. Jonas Wolff griff diesen Gedanken in seiner Einführung auf und unterstrich die wachsende Bedeutung der Friedens- und Konfliktforschung. So beobachte die Forschung einen deutlichen Anstieg bewaffneter Konflikte weltweit, eine zunehmende Medialisierung sowie eine qualitative Entgrenzung der Gewalt. Formate wie dieser Parlamentarische Abend, die Wissenschaft und Politik zusammenbringen, seien deshalb kein „Nice-to-have“, sondern eine dringende Notwendigkeit. Expertinnen und Experten des Forschungsnetzwerks TraCe lieferten dazu zentrale Analysen, etwa zu Formen hybrider Kriegsführung und zur zunehmenden Entgrenzung von Gewalt im Kriegsgeschehen.

Sprache als hybride Kriegsführung

Die Impulsgeber*innen und Moderator am Parlamentarischen Abend

Im ersten Impulsvortrag richtete Prof. Dr. Monika Wingender den Blick auf die sprachliche Ebene im Kontext des Kriegsgeschehens. Am Beispiel des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeige sich deutlich, wie Sprache gezielt als Instrument des Information Warfare eingesetzt wird. Als Teil hybrider Kriegsführung verbreite sich Propaganda mit neuer Dynamik über Social Media und wirke zugleich im digitalen wie im physischen Raum. Narrative könnten so öffentliche Meinungen beeinflussen, Gesellschaften destabilisieren und Gewaltspiralen verstärken. Wingender erklärte, dass es daher umso wichtiger sei, problematische Narrative frühzeitig zu identifizieren, öffentlich zu benennen und durch geeignete Gegenmaßnahmen gesellschaftliche Resilienz zu stärken.

Künstliche Intelligenz zwischen Risiko und Verantwortung

Dr. Thea Riebe beleuchtete die dynamische Entwicklung Künstlicher Intelligenz und neuer Technologien als eine zentrale Herausforderung für das Kriegsgeschehen. Angesichts rasanter Fortschritte – insbesondere im Bereich unbemannter Waffensysteme und deren Tendenz zur Autonomisierung – bemühen sich Zivilgesellschaft, Militär und Rüstungsunternehmen darum, Maßnahmen zu entwickeln, die ein gewisses Maß an menschlicher Kontrolle gewährleisteten. Zugleich könne KI verantwortungsvoll eingesetzt auch zur Überwachung und Dokumentation von Gewalt beitragen. Eine zentrale Herausforderung bleibe jedoch die Etablierung internationaler Standards, führte Riebe aus – ein Prozess, an dem sich Deutschland aktiv beteiligen müsse.

Völkerrecht unter Druck

Im dritten Impuls analysierte Prof. Dr. Thilo Marauhn aktuelle Entwicklungen im Bereich des Völkerrechts. Während Staaten früher zumindest bemüht waren, militärische Einsätze völkerrechtlich zu begründen, lasse sich heute zunehmend ein Verzicht auf solche Rechtfertigungen beobachten. Diese Entwicklung gehe häufig mit einem früheren Einsatz bewaffneter Gewalt, einer rücksichtsloseren beziehungsweise exzessiveren Anwendung militärischer Mittel sowie einer systematischen Verunglimpfung und Aushöhlung zentraler normativer Kategorien des Völkerrechts einher. Da das Völkerrecht maßgeblich vom Verhalten der Staaten getragen werde, müsse Deutschland auf Verstöße reagieren – Schweigen sei keine Option.

Moderator Tobias Pietz beim Parlamentarischen Abend am 24.02.

Allianzen als Antwort auf entgrenzte Gewalt

Die anschließende Diskussion drehte sich hauptsächlich um die Frage, wie die ungezügelten Kriegsdynamiken künftig wieder besser eingehegt werden könnten. Eine wichtige Rolle dürften dabei gemeinsame politische Interessenlagen spielen, die die Bildung von Allianzen zur Schaffung regelbasierter Ordnungsvorstellungen ermöglichten   – auch mit Partnern im Globalen Süden.

Der Moderator des Parlamentarischen Abends Tobias Pietz, Vorstandsmitglied der DSF und Lead „Climate Security & EU“ am Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) zog am Ende der Veranstaltung das Fazit, dass es sich auch in diesen krisenreichen Zeiten lohne, über politische Handlungsoptionen jenseits der Großmachtpolitiken nachzudenken. Dieses Thema beschäftigte die Teilnehmenden weit in den informellen Teil des Abends hinein, bei dem die Gespräche in kleinerem Kreis fortgesetzt wurden.

Das Programm des Parlamentarischen Abends finden Sie bereits hier online.