Auf dem Bild ist das Logo der Stiftung in klein abgebildet.“Peace with Nature”: Conflict Dynamics, Environmental Protection and Community Strategies in Colombia

Projektleitung: Prof. Dr. Solveig Richter, Universität Leipzig
Projekttyp: Pilotprojekt
Fördersumme: 60 Tsd. Euro
Projektpauschale: 12 Tsd. Euro
Fördermittel gesamt: 72 Tsd. Euro
Laufzeit: 18 Monate

Zusammenfassung

„Wir wollen einen Gipfel für die Menschen veranstalten (…) und möchten, dass die Stimmen derer, die sich um die biologische Vielfalt (…) kümmern, von den Regierungen gehört werden.“ (CaracolRadio2024). Mit diesem Zitat kündigte die damalige kolumbianische Umweltministerin das Motto „Frieden mit der Natur“ (Paz con la Naturaleza) für die Vertragsstaatenkonferenz (COP16) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) im Oktober 2024 an. Es verweist auf eine entscheidende Lücke in Forschung und Politik: die fehlende Verbindung zwischen (inter-)nationalen Akteur*innen, Forschenden oder Entscheidungsträger*innen einerseits und den Strategien der lokalen Gemeinschaften zum Schutz der Natur andererseits.

Die doppelte Krise des Biodiversitätsverlusts und des Klimawandels hat die außerordentliche Vulnerabilität der Bevölkerung in den fragilen, von Konflikten geprägten Ländern des Globalen Südens, vor allem in ländlichen Regionen, offengelegt. Diese sind oft durch fehlende grundlegende Infrastruktur, weit verbreitete staatliche Vernachlässigung bei der Versorgung und öffentlichen Ordnung (Sicherheit) sowie durch die Präsenz nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen gekennzeichnet. Transformative und inklusive Ansätze sind heute zentrale Forderungen im globalen Umweltschutz (siehe beispielsweise IPBES 2024), doch ihre Umsetzung scheitert oft an der fehlenden Einbindung indigener Gruppen und lokaler Gemeinschaften (Indigenous People and Local Communities, IPLCs). Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen beginnen erst, die Strategien der Gemeinschaften zur Umsetzung globaler Initiativen vor Ort zu verstehen.

Kolumbien ist ein Paradebeispiel: Das Friedensabkommen von 2016 eröffnete neue Möglichkeiten für den Umweltschutz und die Forschung in zuvor von bewaffneten Konflikten betroffenen Regionen. Gleichzeitig veränderten sich die Landnutzungsdynamiken nach dem Ende des Konflikts: Entwaldung und illegaler Bergbau nahmen zu und stellten Naturschutz sowie lokale Gemeinschaften vor neue Herausforderungen. Die kolumbianische Verfassung integriert weitreichend Rechte, Pflichten und Institutionen, die es Einzelpersonen, Gemeinschaften und sozialen Organisationen ermöglichen, sich am Schutz und an der Verteidigung von Umweltrechten zu beteiligen. Während Rechte und Pflichten klar formuliert sind, sehen sich Umweltaktivist*innen jedoch oft Bedrohungen durch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen und einem eingeschränkten Zugang zu staatlichen Institutionen ausgesetzt. In der Forschung sind multidisziplinäre Studien, die Perspektiven aus den Naturwissenschaften (z. B. Geowissenschaften, Biologie und Ökologie) und den Sozialwissenschaften (z. B. Politikwissenschaft und Anthropologie) miteinander verbinden, selten. Doch soziale Systeme und Ökosysteme bilden auf lokaler Ebene eine wechselseitig abhängige, zugleich verflochtene und komplexe Beziehung. Ein Verständnis dafür zu entwickeln ist zentral, damit Umwelt- und Klimaschutz funktionieren. Vor diesem Hintergrund untersucht das Pilotprojekt folgende Forschungsfragen:

Wie können wir die Dynamiken des gemeinschaftsgetriebenen Naturschutzes in Konfliktgesellschaften durch interdisziplinäre Ansätze besser verstehen?

Wie lassen sich Daten und Wissen mit den Bedürfnissen und Perspektiven lokaler Gemeinschaften verknüpfen?

Das Projekt verfolgt drei Hauptziele: Erstens werden unter Anwendung eines Mixed-Methods-Ansatzes Primärdaten erhoben. Zweitens wird den Gemeinden in Kolumbien im Rahmen partizipativer Aktionsforschung ein Raum geboten, um auf lokaler Ebene eine transformative Umweltpolitik zu gestalten. Drittens wird dieses Wissen durch den Transfer in nationale und globale politische Entscheidungsprozesse weiterverbreitet.

Die Ergebnisse leisten einen Beitrag zum besseren Verständnis gemeinschaftsbasierter Naturschutzpraktiken in Konfliktkontexten und zeigen auf, wie lokales Wissen systematisch in nationale und internationale Umweltpolitik integriert werden kann. Gleichzeitig schafft das Projekt Grundlagen für interdisziplinäre Forschung an der Schnittstelle von Umwelt-, Friedens- und Datenwissenschaften und liefert praxisrelevante Erkenntnisse für Entscheidungsträger*innen und lokale Akteur*innen auch in Deutschland.