Wissensproduktion im Kontext von Frieden, Konflikten und Umwelt: Klima- und Nachhaltigkeitsforschung in den arabischen Golfmonarchien
Projektleitung: Dr. Sebastian Sons, Center of Applied Research in Partnership with the Orient e. V., Bonn
Projekttyp: Pilotprojekt
Fördersumme: 75 Tsd. Euro
Laufzeit: 8 Monate
Zusammenfassung
Die arabischen Golfstaaten stehen vor gravierenden Herausforderungen, die durch den Klimawandel und Umweltdegradation verschärft werden und vielfach die regionale Sicherheit beeinträchtigen. Die Golfstaaten befinden sich in einem Dilemma zwischen der Erhaltung ihres Wohlstands und der notwendigen Anpassung an die Klimakrise. Sie reagieren zunehmend aktiv auf die Klimakrise – durch nationale Nachhaltigkeitsstrategien, Investitionen in erneuerbare Energien, Ausbau der Forschungskapazitäten oder Technologieentwicklung. Diese Maßnahmen gelten als notwendige Anpassungsstrategien, um Wohlstand, Versorgungssicherheit und geopolitischen Einfluss zu sichern. Gleichzeitig bergen sie erhebliche Konfliktpotenziale: Sie verändern Machtverhältnisse, erzeugen soziale Spannungen und verschieben Diskurse über Legitimität, Gerechtigkeit und Sicherheit.
Das Vorhaben verbindet akteurszentrierte Forschung zu Klima- und Umweltveränderungen mit Friedens- und Konfliktforschung, wodurch es eine wichtige Forschungslücke schließt. Besonders für die arabischen Golfstaaten besteht eine Forschungsleerstelle: Es mangelt an einer analytischen Aufarbeitung der vorhandenen Wissensproduzenten sowie einer Forschungsdiskussion von Klima- und Nachhaltigkeitspolitik im Kontext von Frieden und Sicherheit. Auch das Spannungsverhältnis zwischen Wissensproduzenten und staatlicher Entscheidungsfindung wird im Bereich der Klimaforschung bislang kaum erforscht. Das geplante Forschungsvorhaben füllt diese Lücken durch die Analyse von Akteursgruppen, die Wissen generieren und Aushandlungsprozesse im Klima- und Umweltbereich mitgestalten. So soll analysiert werden, in welcher Form diese Wissensproduzenten integrative und konfliktsensitive Forschungsansätze fördern, um den wissenschaftlichen Dialog und die Vernetzung untereinander sowie mit externen Wissensakteuren außerhalb der Golfstaaten (z. B. in Asien und Afrika) auszubauen und damit neue Formen der Kooperation und Lösungen zu nachhaltiger Konfliktbearbeitung zu entwickeln und welchen Einschränkungen sie unterliegen. Es wird also betrachtet, inwieweit sich golfarabische Wissensproduzenten trotz ihrer Verortung in autoritären Kontexten auf Themen des Environmental Peacebuilding konzentrieren können und dürfen und somit Wissensnetzwerke im Rahmen des „Globalen Südens“ herstellen.
Dazu wird ein akteurszentrierter Ansatz gewählt, indem Forschungsinstitutionen wie Universitäten, Forschungsinstitute und Think Tanks in vier ausgewählten Golfmonarchien (Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Oman) in der Wissensproduktion in den politischen Kontext eingeordnet und ihre Rolle im Hinblick auf die Adaptierung von Anpassungsstrategien analysiert werden. Das mehrstufige Forschungsdesign untersucht die Akteure in den Bereichen Umwelt, Migration, Gender und Geopolitik und umfasst (1) den Zugang zu Netzwerken von in den Golfstaaten ansässigen Forschungsinstitutionen, (2) die Durchführung von semi-strukturierten Experteninterviews mit Vertreter*innen dieser Institutionen, (3) Workshops zur Vernetzung regionaler Akteure (4) die Einordnung der Ergebnisse in politische Machtstrukturen sowie (5) die Analyse des Potenzials für interregionalen Wissensaustausch.
Die weitgehend staatlich kontrollierte Wissensproduktion zu Klima- und Nachhaltigkeitspolitik spielt in den arabischen Golfstaaten eine zentrale Rolle. Forschungsinstitute, Think Tanks und Universitäten werden zu Vermittlern, Übersetzern und Legitimationsinstanzen dieser Anpassungsstrategien. Deren Forschung und Arbeit wirkt sich daher auch auf politische Strategien und Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise aus, da sie häufig im Auftrag von politischen Akteuren Wissensproduktion betreiben, aber auch eigene Akzente setzen können. Sie können somit mit ihrer Wissensproduktion friedensfördernde Narrative fördern oder bestehende Machtasymmetrien verfestigen und bewegen sich in einem komplexen Kontext von teilweise limitierten Wissenschafts- und Gestaltungsräumen. Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt diese Dynamiken aus einer friedens- und konfliktwissenschaftlichen Perspektive. Es analysiert, wie Wissen über Klima und Nachhaltigkeit in autoritären Kontexten entsteht, politisch gerahmt wird und zur Bewältigung oder Verschärfung von Adaptionskonflikten beiträgt. Ziel ist es somit, eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, die dazu beiträgt, die heterogene und intransparente Akteurslandschaft in der golfarabischen Klima- und Nachhaltigkeitsforschung besser zu verstehen sowie ihre Rolle in einem autoritären politischen Kontext und deren Motivationen dekonstruieren zu können.