Positionierungen im landwirtschaftlichen sozialökologischen Transformationskonflikt
Projektleitung: Dr. Adrian Rothers, Philipps-Universität Marburg; Prof. Dr. Bettina Engels, FU Berlin; Prof. Dr. Lisa Bogerts, FU Berlin
Projekttyp: Pilotprojekt
Fördersumme: 60 Tsd. Euro
Laufzeit: 6 Monate
Zusammenfassung
Positionierungen im landwirtschaftlichen sozialökologischen Transformationskonflikt
Die Bauernproteste der vergangenen Jahre in mehreren europäischen Ländern markieren einen breit angelegten Widerstand gegenüber Elementen der sozial-ökologischen Transformation der Landwirtschaft. Neben der Kritik an spezifischen Maßnahmen mit ökologischem Fokus (etwa der geplanten Streichung der Agrardiesel-Subvention) traten innerhalb des heterogenen Feldes landwirtschaftlicher Akteurinnen und Akteure sehr unterschiedliche Beschreibungen und Deutungen der Probleme des landwirtschaftlichen Sektors sowie sehr unterschiedliche Lösungsvorstellungen zutage.
Um diese komplexen Auseinandersetzungen analytisch zu fassen und Ansatzpunkte für tragfähige Transformationspfade zu identifizieren, benötigt es systematisches Tiefenwissen über die Positionierungen und Wahrnehmungen landwirtschaftlicher Akteure. Das Projekt untersucht daher konfliktleitende soziale Repräsentationen in zwei zentralen Themenfeldern: (1) die Wahrnehmung gesellschaftlicher Anerkennung und (2) Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit in der politischen Ökonomie der Landwirtschaft. Als Kerndimensionen sozialer Gerechtigkeit sind – so unsere Annahme – in diesen Feldern entscheidende Wahrnehmungen zu finden, um das Konfliktgeschehen um die landwirtschaftliche Transformation zu verstehen.
Im Themenfeld Anerkennung wird der Frage nachgegangen, wie Landwirtinnen und Landwirte ihre gesellschaftliche Rolle und die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung deuten. Mögliche Beispiele sind Spannungen zwischen der Selbstwahrnehmung als unverzichtbare Lebensmittelproduzentinnen und der Erfahrung öffentlicher Kritik, etwa im Zusammenhang mit Fragen des Tierwohls oder des Umweltschutzes. Als ebenfalls anerkennungsrelevant könnten sich die Wahrnehmung einer Überfrachtung des Berufsstandes mit gesellschaftlichen Erwartungen, die weit über die reine Produktion hinausgehen, mangelnde Berechenbarkeit politischer Vorgaben oder eine empfundene „Gängelung“ durch detailreiche Dokumentationspflichten landwirtschaftlicher Arbeit erweisen.
Im Themenfeld Verteilungsgerechtigkeit stehen grundlegende Vorstellungen darüber im Mittelpunkt, wie ökonomische Chancen, Lasten und Entscheidungsfreiheiten innerhalb des Agrarsektors verteilt sein sollten – und wie Landwirtinnen und Landwirte diese Verteilungen aktuell wahrnehmen. Mögliche thematische Beispiele sind die Stellung landwirtschaftlicher Betriebe innerhalb der Wertschöpfungskette, einschließlich Fragen von Preisbildung, Marktstrukturen und Verhandlungsmacht. Ebenfalls von Interesse sind die Ausrichtung der Produktion im Sinne multifunktionaler vs. produktivistischer Paradigmen oder Einstellungen zu Boden- und internationaler Handelspolitik.
Für beide Themenbereiche wird jeweils eine Q-methodologische Studie durchgeführt. Dabei werden relevante Sichtweisen und Argumentationsmuster aus akademischen und nicht-akademischen Quellen systematisch zusammengeführt und den Teilnehmenden zur Bewertung vorgelegt. Aus den Antwortmustern entstehen verdichtete typische Sichtweisen – sogenannte soziale Repräsentationen –, die eine differenzierte und empirisch fundierte Rekonstruktion konfliktleitender Wahrnehmungen ermöglichen. In Kombination mit sozioökonomischen Daten der Befragten und ihrer Betriebe lassen sich diese Repräsentationen in ihrer sozialstrukturellen Eingebettetheit analysieren.
Die Ergebnisse erlauben nicht nur ein tiefes Verständnis zentraler Konfliktlinien innerhalb des Landwirtschaftssektors, sondern werden darüber hinaus mit Modellen des gesamtgesellschaftlichen sozial-ökologischen Transformationskonflikts in Beziehung gesetzt. Dadurch können Strukturähnlichkeiten und Unterschiede zwischen sektoralen und gesellschaftsweiten Dynamiken identifiziert werden. Insgesamt trägt das Projekt zu einer empirisch fundierten Analyse der Bedingungen, Herausforderungen und Potenziale einer sozial-ökologischen Transformation der Landwirtschaft bei.
Abstract
Farmers’ Positions in the Conflict Over Agriculture’s Social Ecological Transformation
The farmer protests in several European countries in recent years mark a broad-based resistance to elements of the socio-ecological transformation of agriculture. In addition to criticism of specific measures with an ecological focus – such as the planned abolition of agricultural diesel subsidies – a wide range of descriptions, interpretations, and potential cures for agriculture’s problems were articulated within the heterogeneous field of agricultural actors.
In order to analyze these complex debates and identify viable transformation leverage points, systematic in-depth knowledge of the positions and perceptions of agricultural actors is required. The project therefore examines conflict-related social representations in two central thematic areas: (1) farmers’ perceptions of social recognition and (2) their views on distributive issues in agriculture’s political economy. We assume that attending to these core dimensions of social justice is vital in order to understand conflict dynamics around agriculture’s socio-ecological transformation.
Regarding social recognition, we explore how farmers interpret their societal role and the social worth they are credited with. Possible examples include tensions between their self-perception as indispensable food producers and their experience of public criticism, for example in connection with issues of animal welfare or environmental protection. Other potentially relevant views include the perception that farmers face expectations that go far beyond mere production, low-reliability political guidelines, or perceptions of limited autonomy and administrative overreach for detailed documentation requirements.
In the second topic area of distributive political economy views, we will explore fundamental ideas about how economic opportunities, burdens, and decision-making freedoms should be distributed within the agricultural sector – and how farmers perceive the status quo of these factors. Possible examples include the position of agricultural businesses within the supply chain, for example issues of pricing, market structures, and bargaining power. Furthermore, we will attend to farmers’ orientation in terms of multifunctional vs. productivist paradigms, and their attitudes toward land and international trade policy.
For each topic, a Q-methodological study will be conducted. Relevant perspectives and patterns of argumentation will be systematically compiled from academic and non-academic sources and presented to participants for evaluation. Participants’ response patterns will yield condensed typical viewpoints – so-called social representations – that enable a differentiated and empirically grounded reconstruction of farmers’ positions in agriculture’s transformation conflict. In combination with socioeconomic data on the respondents and their farms, the socio-economic embeddedness of these representations can also be analyzed. The anticipated results not only allow for a deep understanding of central lines of conflict within the agricultural sector, but will also be compared to models of the socio-ecological transformation conflict in society as a whole. This allows for the identification of structural similarities and differences between sectoral and society-wide dynamics. Overall, the project contributes to an empirically based analysis of the conditions, challenges, and potential of a socio-ecological transformation of agriculture.