„Uneins bedeutet für uns, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen“
Ein Interview mit Lea Otremba und Dorothée Krämer, Gründerinnen des Vereins UNEINS e.V.
Mit den Publikationsformaten von UNEINS hat der Verein UNEINS e.V. eine Plattform geschaffen, die wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und gesellschaftliche Debatten rund um Frieden und Konflikte einem breiten Publikum zugänglich macht. Das Projekt „UNEINS: Magazin und Impulse“ wurde von der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) über 18 Monate mit insgesamt 10.000 Euro gefördert. Im Interview sprechen die Gründerinnen Lea Otremba und Dorothée Krämer darüber, wie das Magazin entstanden ist, warum unterschiedliche Perspektiven zentral sind und welche Rolle die DSF-Förderung für die Weiterentwicklung des Projekts gespielt hat.
Frau Otremba, Frau Krämer, was war der Ausgangspunkt für die Gründung von UNEINS?
Die Idee entstand während unseres Masterstudiums der Friedens- und Konfliktforschung in Marburg. Uns fehlte ein Format, das aktuelle friedens- und konfliktwissenschaftliche Debatten verständlich und aus einer feministischen Perspektive heraus aufbereitet sowie ästhetisch ansprechend vermittelt. Gleichzeitig wollten wir eine Plattform schaffen, auf der auch Studierende, junge Wissenschaftler*innen und Menschen aus der Praxis veröffentlichen können. Gerade im Wissenschaftsbetrieb gibt es oft hohe Hürden, bevor eigene Arbeiten sichtbar werden. Deshalb wollten wir einen Raum schaffen, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in der Schublade verschwinden, sondern in gesellschaftliche Debatten einfließen.
Der Name „UNEINS“ fällt sofort auf. Was steckt dahinter?
Der Name spiegelt unser Verständnis von Friedens- und Konfliktforschung wider. Konflikte sind nicht grundsätzlich negativ, sondern gehören zu gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen dazu. „Uneins“ bedeutet für uns, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen und gerade im Austausch neue Erkenntnisse entstehen. Es geht nicht darum, möglichst schnell Konsens herzustellen, sondern verschiedene Sichtweisen sichtbar zu machen und miteinander ins Gespräch zu bringen.
Hinter UNEINS steht ein interdisziplinäres Redaktionsteam. Wie arbeiten Sie zusammen?
Hinter UNEINS steht ein Team aus vier Personen. Wir kennen uns alle aus dem Marburger Studiengang Friedens- und Konfliktforschung, der sehr interdisziplinär ausgerichtet ist. Entsprechend bringt jede von uns unterschiedliche fachliche Schwerpunkte mit – von Migrations- und Gewaltforschung über Erinnerungskultur bis hin zu postkolonialen Perspektiven oder Friedenspädagogik. Diese Vielfalt prägt auch unsere redaktionelle Arbeit. Viele Themen entstehen aus gemeinsamen Diskussionen und unserem eigenen Erkenntnisinteresse. Gleichzeitig haben wir das Projekt parallel zum Berufseinstieg weiterentwickelt und dabei unsere Arbeitsprozesse immer weiter professionalisiert.
Neben dem Magazin gibt es inzwischen auch das Format „UNEINS Impulse“. Worin unterscheiden sich die beiden Formate?
Das UNEINS Magazin behandelt pro Ausgabe ein übergeordnetes Thema aus dem Feld der Friedens- und Konfliktforschung. In der Vergangenheit haben wir uns dabei zum Beispiel mit kritischer Wissensproduktion oder emanzipatorischen Kämpfen beschäftigt. Beiträge erhalten wir über einen offenen Call for Contributions. Uns ist wichtig, dass unterschiedliche Beitragsformen zusammenkommen – wissenschaftliche Texte, Essays, journalistische Beiträge oder auch künstlerische Arbeiten. Die Redaktion begleitet die Autor*innen in einem partizipativen Redaktionsprozess, der bewusst als Alternative zu klassischen wissenschaftlichen Publikationsverfahren gedacht ist.
Die UNEINS Impulse sind dagegen als kompakteres Format angelegt und greifen aktuelle Konflikte auf, oft mit einem regionalen Fokus. Entstanden sind sie vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Ziel ist es, über die tagesaktuelle Berichterstattung hinaus historische Zusammenhänge, Machtverhältnisse und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Dafür werden gezielt Expert*innen sowie Stimmen aus den jeweiligen Regionen oder der Diaspora eingeladen. So erschienen bislang Ausgaben unter anderem zur Ukraine, zum Iran, Sudan und Libanon.
Gibt es eine Ausgabe, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Das ist schwer zu sagen, da alle Ausgaben sehr unterschiedlich sind. Besonders eindrücklich ist vielleicht die Impulse-Ausgabe zum Iran. Das Titelbild zeigt Porträts politischer Gefangener, die von einer Künstlerin gezeichnet wurden. Die Ausgabe verbindet persönliche Erfahrungsberichte, wissenschaftliche Analysen, Interviews, Lyrik und Beiträge aus der iranischen Diaspora. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Zugänge steht exemplarisch für das Selbstverständnis von UNEINS: komplexe Konflikte aus mehreren Perspektiven zu betrachten und wissenschaftliche Analysen mit persönlichen Erfahrungen zusammenzubringen.
Welche Herausforderungen begegnet Ihnen bei Ihrer Arbeit?
Die größte Herausforderung besteht darin, ein solches Projekt vollständig ehrenamtlich zu organisieren. Neben finanziellen Fragen spielen vor allem Zeit und personelle Ressourcen eine große Rolle. Inhaltlich stellt sich immer wieder die Frage, welche Perspektiven vertreten werden, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten und wie eine feministische und diskriminierungssensible Redaktionspraxis aussehen kann. Gerade bei der Ausgabe zum Sudan zeigte sich beispielsweise, wie unterschiedlich öffentliche Aufmerksamkeit zu internationalen Konflikten in Deutschland verteilt ist, sodass sich die Autor*innensuche schwieriger gestaltete als bei anderen Ausgaben. Gleichzeitig sehen wir unsere eigene Verantwortung darin, diese Mechanismen kritisch zu reflektieren und möglichst vielfältige Themen und Stimmen einzubeziehen.
Welche Rolle hat die Förderung durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung vor diesem Hintergrund gespielt?
Die Förderung war für uns enorm wichtig. Zum ersten Mal hatten wir über einen längeren Zeitraum Planungssicherheit und konnten das Projekt gezielt weiterentwickeln. Dadurch konnten wir unsere Arbeitsabläufe professionalisieren, einen neuen Internetauftritt gestalten und die verschiedenen Formate ausbauen. Gerade für ein vollständig ehrenamtlich arbeitendes Redaktionsteam ist diese Verlässlichkeit ein entscheidender Faktor, um ein Projekt langfristig weiterzuführen.
Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft?
Wir möchten den Plattformgedanken weiterentwickeln und künftig noch mehr Menschen ermöglichen, eigene Ideen und Formate einzubringen. Gleichzeitig bleibt die Frage nach langfristigen Ressourcen eine Herausforderung. Inhaltlich wünschen wir uns einen öffentlichen Diskurs, der Konflikte differenzierter betrachtet, historische Zusammenhänge stärker einbezieht und marginalisierten Perspektiven mehr Raum gibt. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung braucht es Orte, an denen unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch kommen können – genau dafür soll UNEINS auch künftig stehen.
Autorin: Franziska Kassing, Deutsche Stiftung Friedensforschung
